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Update von Esther - Nach mehr als anderthalb Jahren immer noch in Kanada

Ein kleiner Rückblick

Jetzt sind schon mehr als anderthalb Jahre vergangen, seit ich nach Vancouver gekommen bin. Es war eine grossartige Zeit mit sehr vielen verschiedenen Erlebnissen. Ich muss allerdings sagen, dass mein Start in das zweite Jahr nicht gerade einfach war. Als ich im letzten Dezember/Januar in der Schweiz war, besuchte ich einen Chiropraktiker wegen meiner Rückenbeschwerden. Dabei stellte sich heraus, dass ich im Nacken einen doppelten Bandscheibenvorfall habe. So war ich dann in Sorge, dass meine Gesundheit meinem Abenteuer ein Ende setzen könnte. Nichtsdestotrotz flog ich zurück nach Vancouver und begann, mich mit dem schlecht funktionierenden kanadischen Gesundheitssystem herumzuschlagen. Die Grundversorgung ist zwar vom Staat finanziert und Zusatzleistungen sind z. T. vom Arbeitgeber getragen, das System ist aber völlig überlastet. Ich musste z. B. weit mehr als ein halbes Jahr warten, um einen Termin bei einem Rückenspezialisten zu erhalten. Glücklicherweise habe ich nun einen guten Therapeuten gefunden, und es geht mir mit regelmässigen Therapien und täglichen Übungen recht gut. Ich bin fähig, im Gartenbau zu arbeiten, und ich kann verschiedene Sportarten ausüben.

Ausserdem war da das nervenaufreibende Warten auf meine zweite Arbeitsbewilligung. Wir hatten im September 2024 den Antrag für meine Arbeitsbewilligung eingereicht. Erhalten habe ich dann meine gesponserte Arbeitsbewilligung (Arbeitsvisum) erst im Juni 2025. Eine gesponserte Arbeitsbewilligung heisst, dass mein Arbeitgeber beim Staat beantragt, dass sie mich anstellen wollen und ich daraufhin meine Arbeitsbewilligung erhalte (LMIA, Labour Market Impact Assessment). Ich respektiere und verstehe absolut, dass Kanada seinen Arbeitsmarkt vor übermässiger Zuwanderung schützen will, aber dass die Prozesse so lange dauern, ist für uns Betroffene doch ziemlich mühsam. Grundsätzlich war ich schon positiv gestimmt, dass es klappen wird mit der Arbeitsbewilligung. In der Zeit des Wartens war dann trotzdem eine gewisse Unsicherheit, ob wir wirklich erfolgreich sein werden mit unserem Antrag. Zudem war ich von Februar bis Juni in einer temporären Verlängerung meiner ersten Arbeitsbewilligung, da diese im Februar abgelaufen war. Während dieser Phase konnte ich zwar legal in Kanada arbeiten, aber ich hatte ein paar Einschränkungen. So konnte ich z. B. in dieser Zeit nicht aus Kanada ausreisen und wieder einreisen.

Jetzt bin ich aber superglücklich, dass sich alles in eine positive Richtung entwickelt hat und ich meine Zeit in Kanada wieder geniessen kann. Auch wenn das echte Heimatgefühl immer noch dem Wallis gehört, fühle ich mich mittlerweile hier ein bisschen wie zuhause. Ich denke, dass ich inzwischen die kanadische Westküste vermissen würde, wenn ich wieder wegziehen würde. An vieles, das am Anfang ungewohnt war, habe ich mich jetzt gewöhnt, z. B. dass das meiste grösser und lauter ist, dass in den Geschäften die Preise exkl. MWST angeschrieben sind, dass man sich am Telefon ohne Schnörkel und Wünsche verabschiedet und sogar, dass es in Whistler im Dorf Schwarzbären gibt, die herumlaufen – das hat sich zu etwas Normalem entwickelt. Die Schwarzbären sind total niedlich, und wenn man ihnen mit dem entsprechenden Respekt begegnet, sind sie friedlich. Konflikte mit Schwarzbären sind sehr selten. Wenn es dann doch mal zu Konflikten kommt, kennen sie hier aber keine Sentimentalitäten. In diesen Fällen werden die Tiere unverzüglich erlegt. Ausserdem wird sehr viel in die Prävention investiert, und es gibt von Vancouver bis Whistler so gut wie keine Landwirtschaftsbetriebe. So sind Konflikte mit Nutztieren kaum ein Thema. Den grössten Respekt hat man hier vor den Pumas und den Grizzlybären. Diese sollen schon eher ein aggressives Verhalten Menschen gegenüber zeigen. Daher bin ich nicht mal so unglücklich, dass ich noch nie einem von diesen beiden begegnet bin.

Meine Arbeit

Die Arbeit hat sich sehr positiv entwickelt. Ich fühle mich gut integriert und respektiert in der Firma. Mir sagt die Firmenkultur sehr zu. Die Kultur von „dream big, work hard and have fun“ ist total mein Ding. Darüber hinaus schätze ich die Hilfsbereitschaft sehr. Es hilft jeder jedem, egal welche Funktion er/sie hat. Beispielsweise hat die Firma unverzüglich eine Spendenaktion gestartet, als ein Kind von einem Mitarbeiter einen schweren Unfall hatte. Dabei kamen innert kurzer Zeit mehr als 20'000 Dollar für diese Familie zusammen.

Ich bin jetzt hauptsächlich als Vorarbeiterin auf High-End-Projekten tätig. Diese sind meistens Neubauten von Privathäusern. Es ist fachlich sehr spannend, und die Qualität ist auf diesen Projekten hoch. Wir verwenden fast ausschliesslich hochwertige Materialien, oft schöne Natursteine. Ende 2024/anfangs 2025 war ich meistens auf Bowen Island und in West Vancouver tätig. Bowen Island ist eine Insel nahe bei Vancouver. Dort sind wir jeweils morgens mit der Fähre rübergefahren und abends wieder zurück. West Vancouver ist eine der schönsten Regionen im Grossraum Vancouver. Ein ehemaliger Arbeitskollege aus der Schweiz hat einmal meine Posts von meiner Arbeit mit folgenden Worten kommentiert: «Es sollte verboten sein, an einem so schönen Ort zu arbeiten.» Ja, es ist oft wunderschön, wo wir arbeiten. Manchmal, wenn wir am Meer arbeiten, habe ich Mühe, mich auf die Arbeit zu fokussieren, da es so spannend ist zu beobachten, was im Meer abgeht. Einmal konnte ich zum Beispiel beobachten, wie ein Weisskopfseeadler einem Seelöwen einen Fisch weggeschnappt hat, und einmal sahen wir sogar Orkas (Killerwale) von der Baustelle aus… Ja, ich habe jetzt tatsächlich Orkas zu Gesicht bekommen. Es hat etwas Magisches, wenn die grossen Meeressäuger aus dem Wasser auftauchen – zuerst die markante Rückenflosse, dann der Rücken und manchmal sogar mehr.

Seit Frühling bin ich jetzt in Whistler eingesetzt. Ich war überrascht, wie unterschiedlich es ist, auf Baustellen in Whistler zu arbeiten im Vergleich zu Vancouver. In Vancouver muss man manchmal diejenigen suchen, deren Muttersprache Englisch ist, und hier in Whistler bin ich manchmal die einzige mit einer anderen Muttersprache. Ausserdem gibt es sozusagen keine Frauen auf den Baustellen in Whistler, während man in Vancouver doch relativ viele Frauen auf Baustellen antreffen kann. Die Stimmung auf den Baustellen in Whistler ist aber sehr angenehm, familiär und hilfsbereit.

Wir haben in Whistler zwei sehr grosse Neubauten von Einfamilienhäusern angefangen und verschiedene kleinere Projekte ausgeführt. Die Fertigstellung der grossen Projekte soll nächsten Sommer geschehen. Es ist erstaunlich, wie lange diese Projekte dauern. Von der Planungsphase bis zur Fertigstellung des Hauses wird mit acht bis zwölf Jahren gerechnet. Da sind schon mal Kinder nicht mehr Kinder, wenn das Kinderzimmer fertiggestellt ist, oder ein Baustellenhund verbringt fast sein ganzes Leben auf nur einer Baustelle. Hier gibt es tatsächlich Baustellenhunde. Manche Arbeiter bringen ihren Hund auf die Baustelle.

Zurzeit sind wir gerade daran, noch möglichst vieles in Whistler fertigzustellen, bevor definitiv der Schnee kommt. In Whistler wird der Schnee irgendwann im November/Dezember erwartet. Wir sollen noch ein Bachbett (Entwässerung) anlegen und Bäume pflanzen. Danach werde ich voraussichtlich wieder in Vancouver arbeiten. In Vancouver gibt es in der Regel nur ein paar Wochen im Winter Schnee und dann nicht viel. Für mich überraschend war, dass in Vancouver schon bei kleinen Schneemengen ein riesiges Chaos herrscht. Die meisten Leute in Vancouver sind nicht an grosse Schneemengen gewöhnt.

Ausserdem konnten wir uns diesen Frühling über Verstärkung aus der Schweiz freuen. Andrin ist im März, wie ich, über Study Work Travel zu uns gestossen. Es gefällt ihm sehr gut und er wurde rasch zum Vorarbeiter in unserem Pflanzteam befördert. Seither führt er erfolgreich eine mittelgrosse Gruppe in Vancouver.

Meine Freizeit

Da wir nur acht Stunden am Tag arbeiten und normalerweise um 15:30 Uhr/16:00 Uhr Feierabend haben, bleibt mir viel Zeit, um Dinge zu unternehmen. Wenn ich in Whistler arbeite, übernachte ich unter der Woche dort in einem Haus von unserem Firmeninhaber/CEO. So bin ich nach der Arbeit oft am Joggen, Wandern oder ich gehe mit meinem SUP auf einen See. Da Joggen eine Sportart ist, die ich mit meinem Bandscheibenvorfall ausüben kann und ich regelmässig in der Laufgruppe in Whistler teilnehme, bin ich in diesem Sommer ziemlich fit im Laufen geworden. Ich konnte sogar bei ein paar 10-km-Trail-Läufen vorne mitmischen. Es ist erfreulich, wie viele Menschen sich hier am Laufsport erfreuen. Insbesondere war ich über den grossen Frauenanteil überrascht. Ich habe an Läufen teilgenommen, bei denen mehr Frauen als Männer gestartet sind.

In meinen Sommerferien habe ich den Osten von Kanada bereist. Ich habe dort Freunde getroffen. Ich war in den Regionen Montreal, Mont Tremblant, Toronto und bei den Niagara-Fällen. Quebec (Region Montreal, Mont Tremblant) hat mir sehr gefallen. Die Region und die Stadt Montreal haben einen netten Charme. Toronto hat mich hingegen nicht vom Hocker gehauen. Ich empfand es einfach als eine hektische Grossstadt, wie man sie überall auf der Welt antreffen kann. Die Niagara-Fälle sind beeindruckend. Es lohnt sich definitiv, diese einmal zu sehen. Es ist nur leider total überfüllt mit Touristen und das Dorf ist ein kleines Las Vegas. Es war auf jeden Fall schön, einen Teil von Ostkanada zu sehen. Jedoch muss ich sagen, dass ich jetzt irgendwie nachvollziehen kann, was viele Kanadier/innen meinen, wenn sie sagen, die Westküste sei am schönsten. Die Westküste hat schon eine einmalig reichhaltige Vielfalt, während der Osten doch eher eintönig ist – zumindest das, was ich gesehen habe.

Wie geht’s weiter?

Demnächst werde ich nach Squamish ziehen. Dies liegt an einer Meerbucht zwischen Vancouver und Whistler. Es liegt ca. 45 Minuten Autofahrt von Whistler entfernt und etwa dieselbe Distanz von West Vancouver. Ich werde dort mit einer Arbeitskollegin in einer WG wohnen. Ich habe mich zu diesem Schritt entschieden, da ich auch im nächsten Sommer wieder in Whistler arbeiten werde und ich realisiert habe, dass ich das Stadtleben in Vancouver relativ wenig nutze. Für den Arbeitsweg kann ich glücklicherweise das Firmenfahrzeug nutzen, so dass ich den Treibstoff für den doch recht langen Weg nicht bezahlen muss.

Auf der Arbeit sind die Zukunftspläne, dass ich eine der Baustellen, die wir dieses Jahr in Whistler angefangen haben, fertigstelle. Dies soll anfangs Sommer 2026 geschehen. Danach kann ich voraussichtlich meine Funktion in der Firma wechseln und werde zur Projektleiterin eingearbeitet. Ich bin gespannt, wie das sein wird, und freue mich riesig auf die neue Herausforderung. Um ready für meine neue Aufgabe zu werden, will ich auf jeden Fall im Winter Englischkurse besuchen – insbesondere, um meine schriftlichen Englischkenntnisse zu verbessern. Auch wenn mein Walliser Akzent im Englischen angeblich merkwürdig klingen soll, funktioniert die mündliche Kommunikation mittlerweile recht reibungslos.

Ich plane sicherlich, in Kanada zu bleiben, bis meine Arbeitsbewilligung im Jahr 2028 ausläuft. Ob ich danach nochmals eine Visumverlängerung beantragen werde, weiss ich noch nicht. Ich könnte in den kommenden Jahren Permanent Residence, PR (Daueraufenthalt), beantragen. Dies wäre aber ein grosser Prozess und würde nochmals viel kosten. Zurzeit bin ich noch zu unentschlossen, ob ich langfristig in Kanada bleiben will, um den grossen Aufwand auf mich zu nehmen. Die Zeit drängt auch noch nicht sehr.

Als ich im Februar 2024 nach Kanada gereist bin, habe ich allen gesagt, dass ich sicherlich nach einem Jahr, wenn meine Arbeitsbewilligung (meine erste Arbeitsbewilligung) ausläuft, zurück in die Schweiz komme. Jetzt bin ich aber immer noch in Kanada und denke nicht daran, bald zurückzukommen. So verschreie ich nichts mehr über meine Zukunft. Ich werde so lange bleiben, wie es für mich passt, und danach komme ich zurück – und ich bin sehr dankbar, diesen Luxus haben zu dürfen.

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